Konzepte für eine neue Medizin in einer alternden Gesellschaft

Positionspapier der Leopoldina

Im Jahr 2035 wird jede dritte Person in Deutschland über 65 Jahre alt sein. Schon heute leidet jeder Zweite in dieser Altersgruppe an mehreren chronischen, altersbedingten Krankheiten. Diese Multimorbidität eines so großen Anteils der Bevölkerung stellt eine noch nie dagewesene Herausforderung für die medizinische Versorgung dar, aber auch für die gesamte wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation: Gesellschaftliche Ungleichheit sowie Armutsrisiken werden verschärft. Gleichzeitig hat die Forschung zur Biologie des Alterns die Möglichkeit aufgezeigt, dass die Gesundheitsspanne verlängert und das Risiko für altersbedingte Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz oder Krebs
verringert werden kann. Aus Sicht der Autorinnen und Autoren dieses Diskussionspapiers sind daher in der Forschung weitere Anstrengungen für ein besseres Verständnis des Alterns nötig, aber auch ein fundierter Transfer dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse in die medizinische Versorgung. Hierfür sind konkrete politische Lösungsansätze notwendig.Die exzellente wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Biologie des Alterns in Deutschland bietet eine hervorragende Grundlage für die Entwicklung geroprotektiver Medikamente, d.h. einer Medizin, die anstatt einzelner Krankheiten den Alterungsprozess als Krankheitsursache behandelt. Eine solche Geromedizin zielt darauf ab, die lebenslange Gesundheit zu erhalten sowie Krankheiten vorzubeugen, und ermöglicht somit eine gesund alternde Gesellschaft, in der somit auch die immer größer werdende Gruppe der älteren Menschen voll partizipieren kann.

Handlungsempfehlungen:

(1) Interdisziplinäres Konsortium für Alternsforschung schaffen

Zur Förderung der Alternsforschung empfehlen die Autorinnen und Autoren ein interdisziplinäres Konsortium einzurichten, das bestehende Expertisen in Alterungsbiologie und Systembiologie vernetzt und eine systematische Integration von Multi-Omics-Daten sowie humanen Gesundheitsdaten ermöglicht

(2) Rechtliche Rahmenbindungen verbessern: Tierversuchsgesetz schaffen

Die Biologie des Alterns ist ein komplexer Prozess, der im Gesamtorganismus verstanden werden muss. Mit einem eigenen Tierversuchsgesetz, dass die EU-Richtlinie 2010/63 präzise umsetzt und die Zuständigkeit beim Forschungsministerium verankert, würden die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine international wettbewerbsfähige Alternsforschung verbessert.

(3) Translation beschleunigen: Biologisches Wissen in die
Anwendung bringen

Um die Umwidmung von Medikamenten (Repurposing) oder die Neuentwicklung von Arzneimitteln mit geroprotektiven Eigenschaften zu unterstützen und die Translation biologischer Erkenntnisse in klinisch wirksame Behandlungen zu beschleunigen, empfehlen die Autorinnen und Autoren die gezielte Einführung von Förderprogrammen.

(4) Geroprotektionsforschung fördern durch nationale Biobank und interdisziplinäre klinische Studien

Interdisziplinäre klinische Studien zur Geroprotektion sollten unter Einbeziehung moderner Altersbiomarker in groß angelegten Kohorten durchgeführt werden. Gleichzeitig sind der Aufbau einer nationalen Biobank – die auch ein Repositorium für Gesundheitsdaten umfasst – sowie die Anpassung der rechtlichen Rahmenbedingungen notwendig,
um eine systematische Datengenerierung zu ermöglichen.

(5) Bewusstsein für „Geromedizin“ und Prävention in Deutschland schaffen

Die vorhandene Infrastruktur der Universitätskliniken und die Zusammenarbeit zwischen biomedizinischer Forschung und pharmazeutischer Entwicklung sollten gezielt genutzt werden, um präventive Ansätze in der Geromedizin zu fördern. Gleichzeitig gilt es, das Bewusstsein für Prävention altersbedingter Krankheiten in der Ausbildung und in
der Öffentlichkeit zu stärken.

Quelle: Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina