Kränkungen der Menschheit ist ein von Sigmund Freud im Jahr 1917 geprägter Begriff für umstürzende wissenschaftliche Entdeckungen, die, so Freuds These, das Selbstverständnis der Menschen in Form einer narzisstischen Kränkung in Frage gestellt haben.
In seiner Arbeit „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ aus dem Jahre 1917 stellt Freud die Widerstände dar, die der von ihm entwickelten Psychoanalyse seiner Auffassung nach entgegenstehen, bevor sie allgemein anerkannt werde. Wie jede wissenschaftliche Neuerung müsse sie sich gegen das etablierte Denken durchsetzen. Aber der „größere Anteil rührt davon her, daß durch den Inhalt der Lehre starke Gefühle der Menschheit verletzt worden sind.“
Freud nennt drei große Einschnitte, die der naive Narzissmus des menschlichen Bewusstseins durch den historischen Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis erlitten habe:
- Die kosmologische Kränkung: Die erste Erschütterung sei die mit dem Namen Kopernikus verknüpfte Entdeckung gewesen, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist.
- Die biologische Kränkung: Die zweite Kränkung lag in der Entdeckung Charles Darwins, dass der Mensch aus der Tierreihe hervorgegangen ist.
- Die psychologische Kränkung: Die dritte Kränkung sei die von ihm entwickelte Libidotheorie des Unbewussten; ein beträchtlicher Teil des Seelenlebens entziehe sich der Kenntnis und der Herrschaft des bewussten Willens. Die Psychoanalyse konfrontiere das Bewusstsein mit der peinlichen Einsicht, (…) daß das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus.
Freud stellt seine Lehre des Unbewussten damit in einen Kontext mit den wissenschaftsgeschichtlich umwälzenden Theorien Kopernikus‘ und Darwins. Die Psychoanalyse stehe in der Tradition der deutschen Philosophie, insbesondere der Metaphysik Schopenhauers, dessen Lehre vom unbewussten Willen theoretisch vorbereitet habe, was in der Neurosentherapie praktisch und konkret zur Geltung gebracht werde.
Eine große (narzisstische) Kränkung möchte ich noch hinzufügen: Das Altern …
(s.a. das Interview mit dem Psychologen, Psychoanalytiker und Paartherapeut Wolfgang Schmidtbauer in der ZEIT: Pflege von Eltern)
