Unter den richtigen Umständen kann ein Leben, das der Musik gewidmet ist, ein Rezept für ein langes Leben sein. Ich selber habe z.B. noch vor zwei Jahren Herbert Blomstedt (Jahrgang 1927) – ganz kurz nach seinem 98. (!) Geburtstag – in Salzburg aktiv am Pult erlebt. Schon 1979 hat sich Donald H. Atlas, damaliger Medizinprofessor an der Universität von Kalifornien in San Diego, mit den Lebensläufen von Dirigenten beschäftigt.
Beeindruckt von der Tatsache, dass Leopold Stokowski im Alter von 96 Jahren starb, führte er eine kleine epidemiologische Untersuchung zur Langlebigkeit von Symphonie-Dirigenten durch. Er stellte fest, dass Arturo Toscanini bis zum Alter von 90 Jahren ein aktives Leben führte; Bruno Walter bis 85; Ernest Ansermet bis 86 und Walter Damrosch bis 88. Sie alle waren, wie auch der 1977 im Alter von 95 Jahren gestorbene Dirigent Leopold Stokowski, bis zuletzt aktiv. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung lag um gut 13 Jahre höher.
Mehrere Faktoren im Spiel
Atlas führte diese langen, produktiven Leben in der Musik auf mehrere Faktoren zurück: überdurchschnittliche Intelligenz, außergewöhnliches Talent oder vielleicht Genialität, starke Motivation und vor allem das Gefühl der Erfüllung, das mit weltweiter Anerkennung einhergeht.
1973 veröffentlichte das Ministerium für Gesundheit, Bildung und Soziales einen Bericht einer Sonderarbeitsgruppe mit dem Titel „Work In America“. Zu den Schlussfolgerungen gehörten die Thesen, dass der stärkste Prädiktor für Langlebigkeit die Zufriedenheit am Arbeitsplatz sei und dass der zweitbeste Prädiktor das allgemeine Glücksempfinden sei.
„Diese beiden soziopsychologischen Messgrößen sagten die Lebenserwartung besser voraus als die Beurteilung der körperlichen Funktionsfähigkeit durch einen untersuchenden Arzt, die Erfassung des Tabakkonsums oder die genetische Veranlagung“, heißt es im Bericht der Arbeitsgruppe.
„Die Abneigung des Menschen, seine Vergänglichkeit zu akzeptieren, ist zu einem universellen Anliegen geworden“, sagte der Medizinprofessor damals gebenüber der New York Times. „Ich hoffe, dass das offenbar erfüllte Lebensmuster von Dirigenten uns zeigen wird, wie wir dem Leben mehr Lebensqualität verleihen und nicht nur die Lebensjahre verlängern können.“
Mehr als 50 Jahre später wären hier noch Zubin Mehta (Jahrgang 1936), Ricardo Muti (Jahrgang 1941) und Daniel Barenboim (Jahrgang 1942) als noch aktive Dirigenten zu erwähnen, die ich ebenfalls mehrfach in Salzburg erleben durfte. Sir John Eliot Gardiner ist Jahrgang 1943.
Nikolaus Harnoncourt starb 2016 mit 87 Jahren. Und Bernhard Haitink ist 2021 mit 92 Jahren gestorben.
